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DAS passiert in Kriftel

Erinnern an Mütter des Grundgesetzes

Vier neue Straßen nach Müttern des Grundgesetzes benannt 

Im neuen Baugebiet „Krifteler Wäldchen“ sind am Mittwochabend vier Straßen nach den sogenannten „Müttern des Grundgesetzes“ benannt worden. Mit der feierlichen Veranstaltung setzte die Gemeinde Kriftel bewusst ein Zeichen für Demokratie, Gleichberechtigung und Erinnerungskultur. Gleichzeitig wurde auf die Fertigstellung der Erschließungsarbeiten für das neue Wohn- und Gewerbegebiet hingewiesen.

Bürgermeister Christian Seitz und der Ersten Beigeordnete Martin Mohr begrüßten zahlreiche Gäste aus Politik und Gesellschaft, darunter den Vorsitzenden der Gemeindevertretung Alexander Feist und Ehrenbürger Bodo Knopf. In seiner Ansprache stellte Seitz den Zusammenhang zwischen der Straßenbenennung und dem bevorstehenden Tag des Grundgesetzes heraus. Zwar werde dieser offiziell am 23. Mai begangen, man habe sich in Kriftel jedoch bewusst für eine „Woche des Grundgesetzes“ entschieden. Neben der Straßenbenennung kündigte Seitz auch eine Lesung am 26. Mai im Rat- und Bürgerhaus an, bei der die Autorin Deike Wichmann aus ihrem Roman „Die Unbeirrbaren“ lesen wird.

Leistungen sichtbar machen, Fragen nach Geschichte wachhalten

Das Schild des neuen Helene-Wessel-Weges.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die vier Frauen Elisabeth Selbert, Friederike Nadig, Helene Weber und Helene Wessel. Sie gehörten 1949 zu den nur vier weiblichen Mitgliedern des Parlamentarischen Rates, der das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland erarbeitete. Besonders hob Seitz die Bedeutung von Elisabeth Selbert hervor, die maßgeblich dafür kämpfte, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ in Artikel 3 des Grundgesetzes aufgenommen wurde. Dies sei damals keineswegs selbstverständlich gewesen und habe erheblichen Widerstand überwinden müssen.

Auch die anderen drei Frauen hätten entscheidend zur Ausgestaltung der jungen Demokratie beigetragen, betonte Seitz. Friederike Nadig habe ihre Erfahrungen aus der Sozialpolitik eingebracht und sich für soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit eingesetzt. Helene Weber wiederum habe bereits in der Weimarer Republik für Bildung und politische Teilhabe von Frauen geworben. Helene Wessel schließlich habe sich insbesondere für Frieden, Menschlichkeit und die Rechte sozial Schwächerer engagiert.

„Straßen tragen Erinnerung in den Alltag hinein“, sagte Seitz. Mit den neuen Straßennamen würden die Leistungen dieser Frauen sichtbar gemacht und zugleich Fragen nach ihrer Geschichte wachgehalten. Die Benennung sei daher weit mehr als eine symbolische Geste: Sie stehe für demokratische Werte, Gleichberechtigung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Passend zum Thema erinnerte Seitz auch daran, dass die Hessische Verfassung in diesem Jahr ihr 80-jähriges Bestehen feiert. Aus diesem Anlass präsentiert die Gemeinde entlang der Bahngleise sechs große Informationsbanner - eine Wanderausstellung der Hessischen Landesregierung. Denn am 30. Juni 2026 jährt es sich zum 80. Mal, dass die hessischen Bürgerinnen und Bürger zum ersten Mal aufgerufen waren, für ihr Land Hessen als Wählerinnen und Wähler aktiv zu werden: Mit der Wahl der Abgeordneten zur Verfassungsberatenden Landesversammlung.

Flurnamen früher von großer Bedeutung

Gemeindearchivar Dr. Detlef Krause ging anschließend auf die historischen Flurnamen des Gebietes ein. Anhand einer Karte aus dem Jahr 1907 erläuterte er die damalige Flurbereinigung und die historischen Bezeichnungen der Felder rund um Kriftel. Das heutige Baugebiet liege in den alten Fluren „Im Boden“ und „Glockengewann“, die bereits seit dem 14. beziehungsweise 16. Jahrhundert urkundlich überliefert seien. „Im Boden“ habe meist einen tiefergelegenen Ackerboden bezeichnet, während sich „Glockengewann“ aus dem Begriff „Gewann“ – dem Wendepunkt des Pfluges – und vermutlich altem Kirchenbesitz ableite. So seien sogenannte „Glockenäcker“ häufig dem Glöckner zur Nutzung überlassen worden.

Krause erinnerte daran, dass Flurnamen früher nicht nur der Orientierung dienten, sondern rechtlich und wirtschaftlich von großer Bedeutung waren. Sie halfen dabei, Eigentum eindeutig zuzuordnen, was besonders in einer landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft entscheidend gewesen sei. Auch bei Krediten und Hypotheken hätten genaue Flurbezeichnungen eine wichtige Rolle gespielt. In alten Unterlagen aus dem Jahr 1676 finde sich beispielsweise ein Eintrag über einen „Morgen im Boden im großen Feldt“ als Sicherheit für ein Darlehen. Darüber hinaus schilderte der Archivar die Bodenbeschaffenheit des Gebietes. Nach Aufzeichnungen des Landwirts Georg Leicher und des Lehrers Konstantin Rausch handele es sich um schweren, nährstoffreichen Lehmboden, der lange landwirtschaftlich genutzt worden sei.

Die Gäste der Einweihung vor einem Essensstand.
Etwa 70 Gäste kamen zu der Veranstaltung für Demokratie.

70er Jahre: Geburt der Idee zum Baugebiet „Krifteler Wäldchen“

Der Erste Beigeordnete Martin Mohr zeichnete anschließend die lange Entwicklungsgeschichte des Baugebietes „Am Krifteler Wäldchen“ nach. Erste Überlegungen für eine Erweiterung des Gemeindegebiets habe es bereits in den 1970er Jahren gegeben, um zusätzlichen Wohnraum und Gewerbeflächen für die wachsende Gemeinde zu schaffen. Mit dem Regionalen Flächennutzungsplan 2010 seien die Planungen konkreter geworden. Das rund 14 Hektar große Gebiet zwischen S-Bahn-Trasse und A66 sollte Wohn- und Gewerbeflächen miteinander verbinden und zugleich durch Grünflächen und die Nähe zum Wasserwerkswäldchen attraktiv gestaltet werden.

Mohr erinnerte an zahlreiche Herausforderungen, die das Projekt über fast zwei Jahrzehnte begleitet hätten – von Grundstücksverhandlungen über die Auswirkungen der Finanzkrise bis hin zu Pandemie und Ukrainekrieg. Gemeinsam mit seinem Vorgänger Franz Jirasek seien intensive Gespräche mit Grundstückseigentümern, Investoren und Planern geführt worden. Einen wichtigen Meilenstein habe 2024 der Abschluss des städtebaulichen Vertrages mit der ABG Frankfurt Holding dargestellt, die als Investor für die Wohnbebauung gewonnen werden konnte.

Besonders hob Mohr die inzwischen abgeschlossenen Erschließungsarbeiten hervor. So seien neue Straßenanbindungen geschaffen, sämtliche Versorgungsleitungen verlegt sowie eine neue Park-and-Ride-Anlage mit 40 Stellplätzen und E-Ladesäulen errichtet worden. Auch klimagerechte Elemente wie helle Straßenbeläge, Baumstandorte und Pflanzbeete seien umgesetzt worden. Nach zwei Jahren Bauzeit sei der Vorstufenausbau Ende 2025 erfolgreich abgeschlossen worden.

Vermarktung der Gewerbeflächen erfolgreich

Die Vermarktung der Gewerbeflächen laufe bereits erfolgreich an, erklärte Mohr. Die Wohnbauflächen sollen folgen, sobald der Bauzeitenplan der ABG feststeht. Insgesamt entstehen auf dem Gelände etwa vier Hektar Wohnbauflächen und fünf Hektar Gewerbeflächen. Das Projektvolumen belaufe sich bislang auf mehr als 21 Millionen Euro.

Mohr dankte abschließend allen Beteiligten – von politischen Gremien über Planungsbüros und Investoren bis hin zu den Mitarbeitern der Verwaltung und des Bauhofs. Die neuen Straßen stünden nicht nur für die Erinnerung an die „Mütter des Grundgesetzes“, sondern auch für Beharrlichkeit, Zusammenarbeit und die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde Kriftel.

Zum Abschluss lud die Gemeinde die Besucherinnen und Besucher zu Gesprächen bei Bratwurst und Getränken ein. Viele Gäste nutzten die Gelegenheit, sich über die Entwicklung des Baugebietes sowie die historischen Hintergründe der neuen Straßennamen auszutauschen.