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Krifteler Rathaus im Goldrausch

Kriftel im „Goldrausch“: Konzeptkünstler Florian Zapf stellt im Rathaus aus

von Alexander van de Loo Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles – davon wusste schon Frankfurts geistiger Übervater Johann Wolfgang von Goethe in seinem Theaterstück „Faust I“ zu berichten. Diese ikonische Aussage wurde am Mittwoch, 29. April, mit neuem Leben gefüllt. Zu der monothematischen Ausstellung „Goldrausch“ des Eschborner Künstlers Florian Zapf strömten Kunstbegeisterte von nah und fern. Denn auf Einladung von Kulturforum und Gemeinde ließ sich ein seltenes Phänomen im deutschen Kommunalwesen besichtigen: ein Rathaus im Goldrausch. „Hier hängt Gold an den Wänden“, bemerkte Elke Wetterau-Bein, die stellvertretende Vorsitzende des Kulturforums Kriftel, verschmitzt in ihrer Laudatio.

Hätten einst Alchimisten vergeblich versucht, Gold herzustellen und es doch nur zu Porzellan gebracht, so gelänge es Zapf, Fundsachen zu recyclen und in verblüffende neue Zusammenhänge zu bringen. „Goldrausch“ als Menetekel in diesen Zeiten? Immerhin trägt eines der Bilder den Titel „Goldrausch im Aktienmarkt“. Ist das Kritik am Run auf das vermeintlich sichere Edelmetall – oder eine leise Ironisierung des Goldfetischs, wie er seit einiger Zeit im Weißen Haus sein Unwesen treibt?

Spiel mit Vorgefundenem

Holzfigur mit Stierkopf.
Zapfs  Hauptwerk „Staatsforst Wien“ . Fotos: vdLoo

Ronald van Zon, ein Freund des Künstlers der ersten Stunde, schüttelt darüber lächelnd den Kopf. Zapfs Kunst sei vor allem eine Idee, ein Spiel mit Vorgefundenem. Bemerkenswert sei, dass er trotz krankheitsbedingter körperlicher Einschränkungen seine Arbeiten selbst fertige. In Königstein sehe man ihn des Öfteren auf dem Wertstoffhof, wo er Material sammle, das später in seinen Arbeiten Verwendung finde. Die teils reliefartigen Collagen sind zwar mit Gold überzogen, doch ziele Zapf auf etwas anderes: Es gehe ihm um die Bewegung des historischen Goldrauschs in Kalifornien ab 1849. Das Moment von Aufbruch und Umbruch, so der Künstler, öffne „die Fenster der Seele“. Da kann man bei Zapf tief blicken. Denn was als Erstes bei ihm auffällt, sind seine wachen, lebendigen Augen.

Florian Zapf wuchs mit den Designern Otto und Rosalie Zapf in einem kreativen Elternhaus auf. Sein Vater gründete 1959 gemeinsam mit Niels Wiese die Firma Vitsoe & Zapf für den Vertrieb der Möbelkollektionen von Dieter Rams, dem langjährigen Designchef von Braun. Später machte er sich international einen Namen und gewann Großaufträge für Unternehmen wie Knoll, Cor und B&B Italia.

Bruch und Neubeginn

Nach Jahren der Mitarbeit im väterlichen Umfeld wandte sich Florian Zapf seiner eigenen Leidenschaft zu: Antiquitäten. Er reiste, spürte seltene Stücke auf und handelte mit ihnen. In seinen Vierzigern setzte ein Hirnaneurysma, gefolgt von der Diagnose Parkinson, dieser Tätigkeit ein abruptes Ende und veränderte seinen Alltag grundlegend. Heute lebt er in der Seniorenresidenz St. Raphael und ist auf Rollstuhl und Rollator angewiesen.

Trotz dieser Handicaps entstanden Wandarbeiten, die zwischen Skulptur und Relief changieren und eine beinahe dreidimensionale Wirkung entfalten. Die künstlerische Tätigkeit gibt Zapf Kraft und Energie. Und davon hat er eine Menge. Während der Vernissage beginnt er als Erster rhythmisch zu klatschen, als die Sängerin und Freundin Senait Bahta „Amazing Grace“ anstimmt. Den Rollator bewegt er im Takt – eine Geste unübersehbarer Lebensfreude.

Die Sängerin singt nicht nur, sondern spricht auch, vor allem über den Menschen Florian Zapf. Bei ihm sei seine Kunst keine Frage äußerer Umstände, sondern eine Haltung. Er begegne dem Leben mit einer Offenheit, die selten geworden sei. Er sammle nicht nur Dinge, sondern Möglichkeiten – und forme daraus Neues. „Er erinnert uns an das Schöne und den Mut zum Positiven!“ Ihr Ausruf „Ein Hoch auf den Künstler“ geht im anhaltenden Applaus beinahe unter.

Applaus und ein Blumenstrauß bekam auch Susanne Vogt, die die Kunstausstellungen im Rathaus über Jahre organisiert hat. Der Leiter des Kulturforums, Dr. Frank Fichert, mitteilte, wird sie diese Aufgabe künftig abgeben, dem Forum jedoch in anderer Funktion verbunden bleiben.

Schwester aus USA angereist

Carolina Zapf, Modedesignerin und Schwester des Künstlers, war extra aus den USA angereist. In einer persönlichen Ansprache beschreibt sie das Leben ihres Bruders als eine krankheitsbedingt schwierige, gleichwohl beeindruckend gemeisterte Entwicklung. „Ich bin stolz auf dich“, sagt sie. Zapf selbst dankt ihr und betont: „Kunst ist mein Leben.“ Sie ergänzt, ihr Bruder habe schon als Kind Flohmärkte geliebt und damit einen Gegenpol zur modernen Ästhetik des Elternhauses gebildet. Hingabe und Freude seien seine Konstanten gewesen; seinen künstlerischen Weg habe er als Autodidakt gefunden.

Goldene Farbstreifen auf schwarzem Untergrund.
Der „Nürburgring“ erinnert an Bewegung und Geschwindigkeit eines Autorennens.

Zapfs Humor zeigt sich nicht zuletzt in den Titeln seiner meist kleinformatigen Arbeiten. Der „Nürburgring“ etwa besteht aus zwei energischen goldenen Pinselzügen auf schwarzem Grund und erinnert an Bewegung und Geschwindigkeit eines Autorennens. Sein Hauptwerk „Staatsforst Wien“ führt tiefer in seine Denkweise: Eine 62 mal 65 Zentimeter große Collage, in der eine simple Holzfigur mit Flinte – von Zapf augenzwinkernd „der Wilderer“ genannt – ihren Kopf verliert und stattdessen Büffelhörner trägt.

Hörner stehen kulturgeschichtlich für Kraft, Instinkt und archaische Symbolik. Hier verdrängt das Tierische den Kopf – und damit Vernunft und Kontrolle. Das zwischen Objektkunst und Neo-Primitivismus angesiedelte Werk gibt keine eindeutigen Antworten, sondern fordert zur eigenen Deutung auf.

Viele Besucher reagieren zunächst mit Staunen. Lisa aus Wiesbaden und Wolfgang aus Kriftel, selbst Künstler, bringen es auf den Punkt: Die Werke seien klein, die gedanklichen Räume dahinter jedoch groß. Wenn man sich damit beschäftige, komme eine ganz eigene Welt zum Vorschein. Die Hofheimer Künstlerin Susanne Bunte beschreibt die Arbeiten als „frisch und frech“. Hinter der glänzenden Oberfläche, so ihr Eindruck, verberge sich mehr, als sie zunächst preisgebe. „Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt“. 

Die Ausstellung ist noch bis zum 27. Mai im Krifteler Rathaus zu sehen, montags bis mittwochs sowie freitags von 8 bis 12 Uhr und donnerstags von 16 bis 18 Uhr.