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DAS passiert in Kriftel

Abschluss-Gala an der WGS

„Nehmt das Leben nicht zu ernst und erobert euch die Welt!“

Schülerinnen in Abendkleidern.
Wo sind die schlabbrigen Jogginghosen, Hoodies und Muscle-Shirts geblieben?                                                                            Fotos: vdLoo

von Alexander van de Loo Die Krawatte ist wieder da. Zusammen mit dunklem Anzug und weißem Hemd feiert sie ein fröhliches Comeback – und das bei 38 Grad im Schatten. Wo sind die schlabbrigen Jogginghosen, Hoodies und Muscle-Shirts geblieben? Diese Fragen stellten sich so manche Lehrkräfte beim Anblick der Wandlung, die ihre Schülerinnen und Schüler am Freitag, den 19. Juni, vollzogen hatten. Statt des lässigen Alltagslooks präsentierten sich die Jugendlichen in eleganter Abendgarderobe.

Vor der Turnhalle, die für diesen Anlass als Festhalle geschmückt worden war, steht Familie Claasen geduldig in der Schlange im Schatten. Sohn Tim erhält an diesem Tag sein Abschlusszeugnis. Bruder Ben hat das bereits hinter sich, auch er besuchte einst die Weingartenschule. Vater Jan hat im Großen und Ganzen nur Positives über die Schule zu berichten. „Wären sonst zwei von uns dabei gewesen?“, fragt er augenzwinkernd.

Am Eingang kontrollieren Nela und Elsa aus der G9c die Tickets. Auch sie, obwohl sie ihren Abschluss erst im nächsten Jahr feiern, wissen schon genau, was sie wollen: Abi ist das erklärte Ziel. Elsa denkt noch einen Schritt weiter: Modedesignerin, das wäre es. Besonders gut gefällt ihr natürlich heute die stilvolle Aufmachung ihrer Mitschüler: „Alles Instagrammable“. An der Bar stehen vier gut gekleidete Jungs. Anzug und Krawatte bei tropischer Hitze – muss das sein? Kian aus der G10a und sein Klassenkamerad Laurin sind davon überzeugt. Ein besonderer Tag verlange eine besondere Ausstattung. Auch ihre Krawattennadeln sind an diesem Nachmittag der Renner. Noch bevor die Zeugnisse überreicht werden, sieht man Väter, die ihren Söhnen anerkennend auf die Schulter klopfen, und Mütter, die an den Kleidern ihrer Töchter zupfen. „War das ein Drama, bis das perfekte Outfit stand …“, seufzt eine Mutter zufrieden.

Hitze und Ventilatoren

An diesem heißen Tag sind Miniventilatoren jeder Couleur das Gebot der Stunde. Gefühlt jeder Zweite hält sie sich vor das Gesicht. Moderator Levi Fröhlich (G9a) führt gewohnt locker und souverän durch das Programm. Den Auftakt macht eine funky Gitarre, mit einem Beat, der sofort gute Laune verbreitet. Die Schulband unter Leitung von Carolin Acker sorgt mit einer gelungenen Mischung aus Playback, Piano, Gitarre und Bass für steigende Stimmung.

Dann tritt Schulleiter Dr. Christoph Richter ans Rednerpult. Das Einheizen der Band sei bei diesen Temperaturen fast überflüssig, scherzt er, bevor er mit dem Satz „Endlich seid ihr weg“ für einen überraschenden Moment sorgt. Kurz darauf löst er die Spannung mit den Worten: „Das heißt, ihr habt es geschafft!“

Eine wilde Reise seien die Schuljahre gewesen, gesäumt mit vielen Anekdoten am Wegesrand. Da sei etwa die legendäre Ravioli-Dose, deren Inhalt Schüler mit wissenschaftlichem Eifer auf 2,3 Gramm berechnet hätten. Oder das Live-Video von Dinosauriern, die angeblich selbst gesehen worden seien.

Natürlich fehlen auch die Dankesworte an die Eltern nicht, die selbst obskurste Kunstprojekte ihrer Kinder gelobt hätten, ebenso wie an den engagierten Lehrkörper. „Ich kenne euch alle“, ruft der Schulleiter den Abgangsklassen zu – manche sogar besser, weil sie öfter zum Rapport mussten. Doch vor allem gebe er ihnen mit auf den Weg: „Nehmt das Leben nicht zu ernst und erobert euch die Welt!“

Bürgermeister lobt die Jugend

Für die Gemeinde Kriftel spricht Bürgermeister Christian Seitz, selbst einst Abgangsschüler der Weingartenschule. Er lobt das starke Auftreten der Jugendlichen: „Wie ihr euch präsentiert, echt eine Wucht!“ Dass draußen die Sonne so gnadenlos brenne, sei ein gutes Omen, sagt er: „Eure strahlende Zukunft – und lasst euch keine schlechte Laune einreden!“ Die gebe es ohnehin schon genug. Zwei Dinge legte er den Abgängerinnen und Abgängern besonders ans Herz: Respekt vor anderen Meinungen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, und Engagement. „Engagiert euch“, lautete seine Botschaft, „im Verein, in der Politik, für die Gesellschaft. Ihr seid die Zukunft unseres Landes!“

Die beiden Schulsprecher Gheorghe Dragoman und Joel Kucharski aus der G10b werden für ihr Engagement geehrt. Sie sind als Ansprechpartner für Lehrer und Schüler immer präsent und außergewöhnlich engagiert gewesen. Dafür erhielten sie den Johann-Georg-Schröder-Preis, den der gleichnamige ehemalige Schulleiter seinerzeit gestiftet hatte.

Dann treten die Klassenlehrer auf die Bühne. Realschulzweigleiter Frank Sommerhoff dreht die Blickrichtung der Ansprache geschickt um. „Jetzt sagen wir euch mal, was wir von euch gelernt haben“, ruft er ins Auditorium. Jeder Klassenlehrer nennt ein Stichwort und erzählt, was er von seinen Schülerinnen und Schülern mitgenommen hat. Sommerhoff selbst wählt das Wort Überraschung. Überraschend gewesen seien etwa die Kissenschlacht im Senckenberg-Museum oder der ewige Schluckauf eines Schülers auf Klassenfahrt im Bundestag, erinnert er sich schmunzelnd. Von den anderen Lehrkräften werden Mut, Humor, Kreativität, Freundschaft und Zukunft ihrer Schützlinge gelobt. Moderator Levi Fröhlich greift die Wendung auf und fragt, wie die Klassenlehrer denn in ihrer Präsentation zu benoten seien. „Note eins!“, schallt es laut von den Rängen.

Auch die Klassensprecher betonen Zusammenhalt, Respekt, Ehrlichkeit und Liebe als prägende Werte der vergangenen Jahre. Das Miteinander sei geblieben. Und wie steht es um Rivalitäten zwischen den Schulzweigen? Hauptschule, Realschule und Gymnasialzweig unter einem Dach – funktioniert das? Haris aus der G10a hat darauf eine klare Antwort: „Läuft!“

Nicola van de Loo mit Blumenstrauß.
Fast 40-jähriges Engagement: Gymnasialzweigleiterin Nicola van de Loo geht in den Ruhestand. 

Sentimental wird es, als überraschend das Lied „Time to Say Goodbye“ erklingt. Zunächst sorgt es für Irritation, doch der Schulleiter klärt rasch auf: Die Unterbrechung des Ablaufs sei verdient, weil sie ein fast 40-jähriges Engagement würdige. Gymnasialzweigleiterin Nicola van de Loo gehe nun in den Ruhestand. Mit Blumenstrauß und vielen guten Wünschen wird sie von ihren Lateinern verabschiedet.

Bestnote für Jade

Von den 50 Jugendlichen aus dem Gymnasialzweig erzielten Helena Schneller (G10a, Durchschnitt 1,5), Mala Khadka, Miyhase Sahin und Pia Oehler (alle G10b, jeweils 1,8) die besten Zeugnisse. Von den insgesamt 75 Realschülerinnen und Realschülern erhielten 54 die Eignung für die Fachoberschule oder für den Besuch einer gymnasialen Oberstufe. Besonders gut schnitten Jade Hahn (R10c, Durchschnitt 1,0), Diane Osagieoduwa Olu Ero (R10a, 1,3) und Pia Franken (R10b, 1,4) ab. Von den 38 Hauptschülerinnen und Hauptschülern erhielten 29 den qualifizierten Hauptschulabschluss. Die besten in diesem Zweig waren Hanim Kenani (H9a, Durchschnitt 1,6) sowie Luam Hagos und Marlon Stiegler (H9b, beide 1,6). Jade Hahn ist die einzige Schülerin des Jahrgangs, die die Traumnote 1,0 erreicht hat. Wie hat sie das geschafft? „Ehrgeiz braucht man schon – und den Willen“, lächelt sie verlegen, aber stolz.

Auch Elternbeirätin Melanie Hirt hat eine kleine Verabschiedung zu vermelden. Ihre Stellvertreterin, mit der sie sechs Jahre lang gut zusammengearbeitet habe, werde das Amt aufgeben. Sie bedankt sich bei allen Beteiligten, vor allem bei Eltern und Lehrkräften, die die Kinder pädagogisch wertvoll begleitet hätten. Hauptschulzweigleiterin Nicole Faller merkt man ihre Freude deutlich an. 80 Prozent ihrer Schützlinge könnten nun erfolgreich in die nächste Stufe ihres Lebensabschnitts wechseln: „Das ist mega!“

Nach zwei Stunden ist die Veranstaltung in der drückenden Hitze vorbei. Ohne Hitzeopfer, aber mit viel Schweiß und manchen Tränen. Draußen steht man beisammen. Einige Flaschen Sekt werden geöffnet. Mädchen ziehen ihre hohen Schuhe aus und laufen barfuß über die Wiese. Maria, Leticia und Alicia machen ein Selfie. „Was habt ihr noch Großes vor?“ Fachabitur, kommt es wie aus einem Mund. Und heute Abend? „Gehen wir essen“.  Mit der Familie? Die Mädchen lachen. „Ja – mit unserer Klassenfamilie.“ Einmal sich noch als Klasse gemeinsam erleben, so wie in den letzten Jahren.