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80 Jahre Hessen und Kriftel - ein Rückblick
Demokratischer Neubeginn in Hessen und Kriftel vor 80 Jahren – wechselnde Bürgermeister
Hessen feiert derzeit „80 Jahre gelebte Demokratie“. Mit der Volksabstimmung über die hessische Verfassung am 1. Dezember 1946 und der Wahl des ersten Landtags war die erste Phase der hessischen Nachkriegsgeschichte abgeschlossen.
Seit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 lagen alle Entscheidungsbefugnisse in den Händen der alliierten Siegermächte. Die amerikanische Militärregierung stellte in ihrer Zone schon bald die Weichen für einen raschen Aufbau demokratischer Verhältnisse. Zunächst setzten die Amerikaner in öffentlichen Ämtern unbelastete Deutsche ein – ausgehend von der kommunalen Ebene. Mit der „Proklamation Nr. 2“ vom 19. September 1945 verfügten sie die Gründung des Landes Groß-Hessen, das heutige Bundesland Hessen.
Juni 1945: Georg Ludwig Jost neuer Bürgermeister in Kriftel
In Kriftel rollten am 29. März 1945 die ersten amerikanischen Panzer, von Hattersheim kommend, durch die Gemeinde. Schon am 12. Mai 1945 bildeten ehemalige Krifteler Lokalpolitiker des Zentrums und der SPD einen Beirat als neue Gemeindekörperschaft. Dem Beirat gehörten Jakob Kutscheid, Robert Gutt und Georg Cromm an. Der amtierende Bürgermeister Peter Hemmerle wurde abgesetzt und im Juni 1945 der gelernte Maschinenzeichner Georg Ludwig Jost (1903–1975) aus Frankfurt am Main zum Bürgermeister ernannt.

Die Gemeindeverwaltung mit Bürgermeister Georg Jost (M.), 1946; Foto: Heimatmuseum Kriftel
Jost hatte sich in der katholischen Jugendbewegung engagiert und bezeichnete sich als Mitgründer des Frankfurter Windthorstbundes im Jahr 1921. Von April 1930 bis Juni 1945 war er bei der Firma Alfred Teves als technischer Sachbearbeiter und in der Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt. Das ihm übertragene Amt des Bürgermeisters legte er allerdings nach knapp einem Monat wegen einer Herzschwäche nieder. Die Gemeindevertreter und die Militärregierung bedauerten übereinstimmend sein Ausscheiden, da Jost „sein Amt auf die beste Weise ausgeübt“ habe.
Auch Nachfolger Wolfermann ging bald wieder
Als Nachfolger ernannte der amerikanische Kreiskommandant in Hofheim, mit Zustimmung des Landrats, den Frankfurter Willy Wolfermann mit Wirkung zum 6. Juli 1945. Wolfermann (1898–1973) hatte Bau- und Maschinenschlosser gelernt, später machte er eine Ausbildung zum Maler und Weißbinder. Er trat 1920 der Zentrumspartei bei und gehörte nach dem Kriegsende zu den Gründern der CDU in Hessen. Von 1930 bis 1933 war Wolfermann hauptberuflich Organisationsleiter in der Verbandszentrale des Katholischen Jungmännerverbandes in Düsseldorf.

Willy Wolfermann, Bürgermeister von Kriftel, 1945-1946; Foto: Gemeinde Kriftel
Der ambitionierte Wolfermann verließ jedoch Kriftel recht bald wieder. Bereitwillig nahm er im März 1946 das Angebot an, Bezirksgeschäftsführer der CDU Frankfurt am Main zu werden; anschließend war er von 1948 bis 1960 als Landesgeschäftsführer der CDU Hessen tätig.
Gemeindewahlen im Januar 1946 mit hoher Wahlbeteiligung
Zuvor, am 27. Januar 1946, fanden in Kriftel die ersten demokratischen Gemeindewahlen nach dem Krieg statt. Die Wahlbeteiligung lag bei über 91 Prozent. Von den mehr als 1.500 abgegebenen Stimmen entfielen auf die CDU 59,9 Prozent, auf die SPD 35,4 Prozent und auf die KPD 7,2 Prozent. Nach dem Weggang Wolfermanns mussten die Gemeindevertreter nun einen neuen Bürgermeister wählen. „Aus Kreisen der Gemeindevertretung“ wurde der bereits bekannte, parteilose Georg Jost angesprochen, der daraufhin trotz Herzschwäche wieder zusagte. Seine Wahl zum ehrenamtlichen Bürgermeister durch die Gemeindevertreter erfolgte am 25. März 1946; als Erster Beigeordneter wurde Robert Gutt von der SPD in seinem Amt bestätigt.
Ein halbes Jahr später wurde Bürgermeister Jost am 19. Juni 1947 in geheimer Wahl mit 7 gegen 4 Stimmen von der Gemeindevertretung zum hauptamtlichen Bürgermeister „befördert“. Bereits ein Jahr später wurde in der Gemeindevertretung wieder abgestimmt; die Gründe sind aus den Akten nicht ersichtlich. Diesmal wurde Jost mit 9 gegen 6 Stimmen in der Sitzung vom 16. Juni 1948 für die Dauer von sechs Jahren gewählt.
Bürgermeister Jost legte als erster Amtsträger im Main-Taunus-Kreis ausführliche Berichte zur lokalen Verwaltungsarbeit vor, die von der Presse als „vorbildlich“ gelobt wurden. Darin trat er vehement für das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung zur Stärkung der Demokratie ein. Jost unterstützte die Forderung, „alle öffentlichen Dinge, die Gemeinde und Kreis erledigen können, diesen auch zu übertragen.“ (Verwaltungsbericht 1946/1948).
Einbrüche in das Rathaus, schlechte Versorgung und Flüchtlinge
Die Herausforderungen für die Verwaltungen in Kriftel und anderswo waren gewaltig. Zu den drängendsten Problemen gehörten die schlechte Versorgungslage der Bevölkerung, die Ausgabe von Lebensmittelmarken und die Bewirtschaftung von Kohle und Treibstoff. Hinzu kamen als strukturelle Aufgaben der notwendige Wohnungsbau und die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen. Nebenbei hatte die Verwaltung auch mit profanen Dingen zu tun. In den Monaten August und September 1946 wurde dreimal in das Rathaus eingebrochen; entwendet wurde unter anderem eine Schreibmaschine, seinerzeit ein äußerst wertvolles Arbeitsgerät.

Rathaus Kriftel in der Kirchstraße, 1946; Foto: Heimatmuseum Kriftel
Angesichts der großen Belastungen war dem gesundheitlich angeschlagenen Jost keine lange Amtszeit beschieden. Im Februar 1949 teilte er dem Landrat den Wunsch mit, aufgrund seiner Herzkrankheit in den Ruhestand versetzt zu werden. Die Pensionierung wurde zum 1. August 1949 genehmigt; auf Jost folgte Georg Richberg als Bürgermeister.
Das Heimatmuseum in Kriftel ist wieder am Sonntag, den 6. September, von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Eine kleine Fotoausstellung erinnert an den demokratischen Neuaufbau nach 1945. Um 11 Uhr wird eine Führung durch die rund 120 Quadratmeter großen Räumlichkeiten des Museums angeboten; eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Adresse: Schulstraße 2 in Kriftel. Der Eintritt ist frei. Kontakt: info-geschichte@kriftel.de

