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WGS: Azubimesse auch für Eltern
Auch ohne Abitur glücklich – vierte Azubimesse zeigte neue Wege auf
von Alexander van de Loo Von außen sah die Weingartenschule am Donnerstag, 12. März, wie immer an einem Berufsorientierungstag aus. Auf dem Schulhof präsentierten sich die großen Maschinen der Straßenmeisterei Hofheim. Plakate kündigten die Aussteller an. Doch bei der mittlerweile vierten WGStart-Initiative war innen einiges neu: Dort erwartete die Besucherinnen und Besucher ein weiterentwickeltes Konzept, nämlich eine „Informationsstraße“ auf den Fluren mit Ständen regionaler Betriebe, Ausbildungsstätten und Institutionen. Ergänzt wurde diese durch berufstätige Eltern, die aus erster Hand über ihren Berufsalltag berichten konnten. Die Einbindung der Eltern in die Berufsorientierung sei bewusst gewählt, so Schuleiter Dr. Christoph Richter: „Ein direkter, persönlicher Zugang für die Jugendlichen der 9. und 10. Klassen aller Schulzweige.“
Zielgruppe: Eltern
Neun Eltern und zwölf Unternehmen, von der Bundesagentur für Arbeit bis zur lokalen Stadtverwaltung, präsentierten sich bei der Veranstaltung. Sie richtete sich diesmal ausdrücklich an Schüler und Eltern – und begann deswegen nicht morgens, sondern arbeitnehmerfreundlich am Nachmittag. Oberstudienrat Basel Mirza, an der Schule zuständig für die Berufsorientierung, sprach von einer Premiere: Erstmals waren auch die Eltern aktive Zielgruppe. Im Anschluss an den Messerundgang bot eine Podiumsdiskussion in der Aula zusätzliche Orientierung, wie Eltern ihre Kinder bei der Berufswahl unterstützen können.

Viel los am Stand von Werkzeughersteller Rothenberger.
In den Fluren herrschte reger Austausch. „Wichtig ist, dass Jugendliche alle Möglichkeiten kennenlernen“, betonte eine Berufsberaterin der Agentur für Arbeit. „Nicht immer ist das Abitur der beste Weg.“ Diesen Tenor hörte man an diesem Tag an vielen Ständen. Natürlich ist auch der Weg auf eine weiterführende Schule eine Option. Drei Mädchen aus der Klasse G9a etwa sagten: „Wir wollen studieren, etwas mit Naturwissenschaften oder Medizin.“ Doch sie anerkennen auch: Praktische Erfahrungen sind oft hilfreicher als graue Theorie. Der Stellvertretende Schulleiter Alexander Heyd befürwortete den neuen Ansatz: „Wenn Eltern und Schüler gemeinsam kommen, schaffen wir mehr Motivation.“ Auch Elternbeiratsvorsitzende Melanie Hirt war zufrieden: „Die Resonanz der Eltern ist durchweg positiv.“
Eltern als Berufsberater
Am Stand von Werkzeughersteller Rothenberger hatte sich eine Schülertraube gebildet. Dabei waren drei Mädchen, die sich für technische Berufe interessieren: Maria, Nesrin und Asiya aus der H8b. Mit Berufsberaterin Laura Cozzolino haben sie „alles abgecheckt“. Auch das Interesse an der Bundespolizei im ersten Stock war groß. Stephanie Ullmann erklärte ihren jungen Zuhörern geduldig, was man alles mit Realschulabschluss werden kann. Die Polizei sei breit aufgestellt, erklärt sie, man habe mittlerweile sogar eine Social-Media-Redaktion. Das hörte Eitan, 14, aus der R9a gerne. Sein Ziel: GSG 9. Er habe Videos gesehen auf YouTube, wie ein Flugzeug gerettet wurde. Es müsse ja nicht gleich die Eliteeinheit sein, erklärt Stephanie Ullmann. „Mädchen wollen übrigens meistens in die Pferdestaffel“, erzählte sie. 24 Stellen seien da. Über mangelndes Interesse könne sie nicht klagen.
Kinder an Ausbildung heranführen
Genauso wenig wie die Deutsche Bahn: Sie bietet über 50 Ausbildungsberufe an. Gerade im IT-Bereich sei man besonders gut aufgestellt, das interessiere die jungen Besucher am meisten. Zain aus der R9 will Lokführer werden „was Großes bewegen“, wie er betonte. Lea Boch, HR-Beraterin, erklärte den Jungs erstmal „ein Stück Oberleitung“. Die Eltern müssten die Kinder begeistern, den richtigen Beruf zu ergreifen, findet sie. Holger Menge, Bauingenieur und Vater von Marie aus der G9a, begrüßte das neue Messekonzept: So würden Kinder an die Hand genommen. Seine Tochter wisse schon, was sie will: Schreinerin. Da sehe man, was man getan habe.

Auf dem Podium nahmen zehn Fachleute aus Pädagogik, Berufsberatung und Wirtschaft Platz. Fotos: vdLoo
Am frühen Abend füllte sich die Aula bis auf den letzten Platz. Auf dem Podium nahmen zehn Fachleute aus Pädagogik, Berufsberatung und Wirtschaft Platz. Auch ehemalige WGS-Schüler wie Kevin Stapf, mittlerweile Logistikleiter am Flughafen, waren dabei. Basel Mirza betonte, keiner der Anwesenden habe einen „geraden Lebenslauf“: „Der Dreiklang ‚Grundschule, Gymnasium, Studium‘ ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Viele haben letztlich über Umwege ihren Beruf gefunden.“
Schulsprecher Gheorghe sprach offen über die Unsicherheit seiner Generation beim Übergang von der Schule in den Beruf: „Oft eine quälende Ungewissheit.“ Veranstaltungen wie WGStart26 könnten diese Phase erleichtern. Schulleiter Richter ergänzte: „Wir wollen Eltern helfen, für ihre Kinder den richtigen Berufszweig zu finden.“
Elternbeirätin Melanie Hirt sieht ebenfalls viele Wege zum Beruf. Die müssten nur bewusstwerden, man müsse rechtzeitig darüber informieren. Schulsprecher Gheorghe merkte an, dass man mehr von der Arbeitswelt erfahren müsse: „Es fehlt einfach das Praktische“ und „ja, man muss früher anfangen, darüber nachzudenken“. Mehr Praxis helfe, da waren sich an diesem Tag eigentlich alle einig. Sabine Kühn von der Tierklinik Hofheim betonte, es könne es gar nicht genug Praktika geben. „Warum nicht in jeden Ferien Praktika anbieten? Das bringt den Jugendlichen die Klarheit, die sie brauchen.“
Tugenden sind gefragt
Die Diskussion endete mit Einigkeit: Ausbildung sei kein Plan B. Aber wie der Leiter der Straßenmeisterei Hofheim von Hessen Mobil, Sebastian Birner, hervorhob: Tugenden wie Ausdauer, Kritikfähigkeit und Stehvermögen seien wichtiger als Noten. Und Schulleiter Dr. Richter merkte zum Abschluss an: „Persönliche Erfüllung hängt von Talent, Motivation und praktischer Erfahrung ab, nicht vom Schulabschluss.“

