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Neue Ausstellung ist "Facettenreich"
Schöpferische Energie entsteht aus Spannung
von Alexander van de Loo Am Mittwoch, den 4. März, wurde das Krifteler Rat- und Bürgerhaus wieder zu einem Mekka für Kunstinteressierte: Die Freie Künstlergruppe „Farbpunkt" aus Hofheim präsentierte ein reichhaltiges Spektrum an Malerei, Zeichnungen, Fotografie und Readymades. Der Titel des Events „Facettenreich“ war dabei Programm, die Farbenpracht der ausgestellten Arbeiten ein erwünschter Nebeneffekt. Die Künstlergruppe – mit Sabine Stieglitz, Andrea Hirschberg, Stefan Kunder und Harald Gross - stellte nunmehr zum dritten Mal in Kriftel aus.
Hat sich da was verändert, entwickelt? Der inoffizielle Sprecher der Gruppe, Fotokünstler Harald Gross, sieht den ständigen Wandel als Kontinuität. In seiner Ansprache verwies er auf Gegensätze, um die heterogene Gruppe zu erfassen: „Man könnte sagen, Farbpunkt ist laut und leise, heiter und melancholisch, lebhaft und apathisch, aufregend und beruhigend, locker und angespannt.“ Aus diesem Spannungsverhältnis entstehe die schöpferische Energie der Gruppe. „Für uns besteht der Anspruch, die Dinge, die uns im Leben begegnen und faszinieren, auch künstlerisch zu verarbeiten. Damit eng verbunden ist eine immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit Technik, Material, Farbe und Licht“, führte Gross weiter aus.
Wie überzeugend diese Ambition umgesetzt wird, lässt sich in den über 50 ausgestellten Exponaten entdecken. Da ist zum Beispiel Andrea Hirschberg. Sie malt in Acryl, Aquarell und Öl. Ihre große Leidenschaft ist die Landschaftsmalerei. Für sie bedeutet dies immer auch eine Dokumentation von Sein und Veränderung in der Natur. Realistische Darstellungen, aber auch Abstraktes, sind in ihrem Repertoire zu finden.
Unterschiedliche Kunststile
Ihr Gemälde Waldinneres erinnert in seiner vertikalen Architektur und Farbgebung an Expressionisten wie Franz Marc. Schätzt sie die Werke der „Blauen Reiter“? Hirschberg lächelt vielsagend: „Blau und Grün sind meine Farben.“ Auf ihre Bilder komme sie durch Imagination. „Mein inneres Auge sagt mir, wie das Bild werden soll. Ich male von innen nach außen.“ Seit 20 Jahren drückt sich die gelernte Porzellanmalerin künstlerisch aus. Auf Porzellan zu malen sei „sehr diszipliniert“ gewesen. Jetzt male sie offener, habe sich befreit.

Andrea Hirschberg. Sie malt in Acryl, Aquarell und Öl. Ihre große Leidenschaft ist die Landschaftsmalerei.
Harald Gross lobt die Entwicklung der Gruppe. Ein breites, vielfältiges Spektrum sei im Laufe der Zeit entstanden. Viel Neues sei sukzessive dazu gekommen, zum Beispiel Technik in der Fotografie. Es sei ein ständiger Prozess. Vieles werde ausprobiert, „immer weitergehen“ sei das Motto der Gruppe. „Man kommt nie an“, sagt er schmunzelnd, ständig gebe es Neues zu entdecken. Er selber widme sich der Wahrnehmung von Naturerscheinungen in Form von digitaler Fotografie und Bildbearbeitung. Da kommen eindrucksvolle Kompositionen zusammen, wie in seiner Arbeit Poppy Power, die mit grafischen Ausdrucksformen der Pop-Art spielt.
Sabine Stieglitz, laut Gross „das Herz von uns“, entwirft Acrylbilder und Zeichnungen auf der Grundlage konkreter Motive. Ihrer „intuitiven Wahrnehmung folgend“ verändert und verfeinert Stieglitz das Vorgefundene in einem künstlerischen Prozess. Darüber hinaus nimmt sie die Welt auch durch die Fotolinse wahr. In ihren Nahaufnahmen spiegeln sich temporäre Lichteinflüsse und Stimmungen in der Natur.
Fotograf Stefan Kunder, als einziger der Gruppe an diesem Abend physisch nicht präsent, spricht durch seine Arbeiten zu den Kunstliebhabern. Er experimentiert gern mit unterschiedlichen Techniken, wie unter anderem mit verwischtem und fixiertem Eisenpulver und Handy-Fotografie. Dabei verblüfft er durch teils geradezu surreale Kompositionen.
Die Gäste, die die Künstlergruppe für den Abend ausgewählt haben, seien laut Gross mit Bedacht ausgeguckt: Da ist Nicola Danza, Zeichner und Designer bei einer bekannten asiatischen Autofirma. Er komme von einem ganz anderen künstlerischen Blickwinkel und zeige heute, welche Schönheit und Ästhetik ein liebevoll designtes Automobil mit sich bringen kann. Künstlerin Petra Keller komme aus der Natur und setze so genannte Natural Readymades in Szene. Mit Pflanzen, die getrocknet sind, wolle sie Vergängliches einfangen. Keller malt auch. Die andere Seite an ihr. Ihre abstrahierte Naturstudie „Populus tremula Zitterpappel“ lässt sich in den lyrischen Farbverläufen und amorphen Strukturen als eine Mischung aus dem Kunststil Informel und dem Maler Emil Nolde sehen.
Sinnenfrohe Künste
Dr. Frank Fichert, der Vorsitzende des Krifteler Kulturforums, entschuldigte die terminlich bedingte Abwesenheit des Bürgermeisters Christian Seitz und fasste in seiner kleinen Ansprache das Motto des Abends zusammen: „Fast für alle Sinne.“ Das spiele eben auch auf die Musik an. Die musikalische Begleitung kam aus der Krifteler Musikschule. Sängerin Felicia Brunner intonierte mit klarer kräftiger Stimme zwischen modern und klassisch und wurde dabei mit Verve von Klavierlehrerin Regina Burkert begleitet.

Junge Kunstliebhaber Edward und Noemi aus Hattersheim. Fotos. vdLoo
Dem zahlreich erschienen Publikum gefiel das breit gefächerte Farb- und Klangspektrum des Abends ausnehmend gut. Alle Beteiligten inklusive der Helferinnen im Hintergrund, Anke Heerda und Susanne Vogt, wurden mit Applaus bedacht. Eine Fotografie von Stefan Kunder wurde für einen guten Zweck versteigert. „Unsere Werke entstehen aus Liebe zur Kunst“, betonte Harald Gross in seiner Ansprache. „Die Ausstellung beinhaltet nicht nur den individuellen Blick auf die Natur und ihre Elemente, sondern auch auf technisch-kulturelle Errungenschaften.“ Das kam beim Publikum an. „Wir fühlen uns von der Farbenpracht der Bilder und Fotos angesprochen. Sie sind von hoher Qualität und man merkt, dass sehr viel Herzblut dahintersteht“, schilderte ein Krifteler Ehepaar ihre Eindrücke.
Im ersten Stock unterhielten sich vor dem Readymade Blumenstrauß angeregt zwei junge Frauen. Für Eike und Marion aus Hofheim war diese Kunstbegegnung ein schöner Ausstieg aus der bisweilen unschönen Realität. „Ein Aufatmen!“ Direkt nebenan diskutierte das wohl jüngste Paar an dem Abend, Noemi und Edward, beide 21Jahre jung. Sie fühlten sich von der Fotografie vor ihnen direkt angesprungen: „So farbenfroh und frisch.“ Das komme rüber. Die Arbeit von Fotograf Stefan Kunder Verpuppung fanden sie geradezu mysteriös.
Die Ausstellung kann noch bis zum 1. April im Krifteler Rathaus besucht werden, und zwar Montag bis Mittwoch sowie Freitag von 8 bis 12 Uhr und Donnerstag von 16 bis 18 Uhr.

