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DAS passiert in Kriftel

Wirtschaftssenioren bald arbeitslos?

Bericht 2018 der Krifteler Wirtschaftssenioren: Geringste Anzahl an Projekten seit 15 Jahren

Seit 2004 bietet Hans Bergmann (75) im Rat- und Bürgerhaus einmal im Monat eine qualifizierte Beratung an: Ob Existenzgründung, Firmenübernahme, Job-, Studiums- oder Praktikumssuche, Karriereplanung und Unternehmenssicherung – der ehemalige Bankdirektor kann aus reichem Erfahrungsschatz schöpfen. Als „Pate“ hilft er anderen Menschen dabei, beruflich auf die Beine zu kommen. Seit zwei Jahren wird er in seiner Arbeit von Rudolf Jäger (67), studierter Maschinenbauingenieur und zuletzt als Geschäftsführer an der Uniklinik Frankfurt in leitender Position tätig, unterstützt. Jetzt waren beide zum Gespräch über das abgelaufene Jahr ins Rathaus eingeladen: Der Erste Beigeordnete Franz Jirasek, in der Gemeinde auch für die Wirtschaftsförderung zuständig, bedankte sich herzlich für das Angebot und das herausragende ehrenamtliche Engagement.

Mehr Stellen als Jobsuchende

2017 hatten die „Wirtschaftssenioren“ für ihre Beratungstätigkeit im Krifteler Rathaus 1.416 Stunden bei der Betreuung von 40 Projekten eingesetzt, 75 Prozent davon wurden erfolgreich abgeschlossen. „2018 waren es deutlich weniger“, berichteten sie jetzt dem Ersten Beigeordneten. „Wir haben nur noch 17 Projekte durchgeführt. Das ist die geringste Anzahl an Projekten seit 2004.“ Auch hier wurden fast alle Projekte erfolgreich abgeschlossen, einige sind noch in Bearbeitung, einige Klienten haben sich anders entschieden. „Aber dass weniger Menschen in die Beratung kommen, ist ja auch ein gutes Zeichen, wir freuen uns natürlich darüber“, betonen die Berater.

Ursache sei sowohl die auf Hochtouren laufende Wirtschaft als auch das anhaltende „Beschäftigungswunder“. Bergmann: „Die deutsche Wirtschaft wächst so stark wie seit Jahren nicht mehr.“ Die Arbeitslosenquote sinke stetig, in vielen Berufsfeldern gäbe es deutlich mehr offene Stellen als Bürger, die Arbeit suchen. Nur ein einziges Projekt wurde den erfahrenen Managern im vergangenen Jahr von der Agentur für Arbeit vermittelt. „Eine aktuelle Statistik der Behörde zeigt: Heute gelingt in 74 Prozent der Fälle die Arbeitssuche aus eigener Kraft.“

Menschen aus der ganzen Region melden sich für Beratungsgespräche im Krifteler Rathaus an. Es hat sich herumgesprochen, dass Bergmann und Jäger über ein großes Netzwerk verfügen. Wer in die Sprechstunde kommt, kann sein Anliegen schildern, ohne dass Kosten anfallen. „Erst wenn wir richtig einsteigen und den Menschen oder die Firma längerfristig beraten, berechnen wir eine kleine Aufwandsentschädigung“, so Jäger. Der Betrag von 20 Euro pro Stunde sei „symbolisch“ zu sehen, damit klar wird, dass es sich hier nicht um eine Unterstützung handelt, die mal eben nebenbei erfolgt. „Der Dank der Menschen ist sowieso der schönste Lohn“, betont Bergmann. Zu manchen Kunden hat er über Jahre Kontakt.

Selbstbewusstsein stärken

„Wir haben etwas, das die anderen nicht haben“, betont Rudolf Jäger, „Zeit!“ Die Wirtschaftssenioren erstellen Businesspläne, führen Analysen durch, vermitteln Kontakte zu Betrieben, bereiten Gespräche mit Banken in Bezug auf Finanzierungen vor oder helfen, Rentabilitätsrechnungen aufzustellen. Aber auch ganz grundlegende Dinge, wie das richtige Formulieren eines Bewerbungsschreibens, gehören dazu. Immer wieder müssen die Berater aber auch große Hoffnungen, beispielsweise in eine Unternehmensidee, enttäuschen, wenn sie sich als nicht umsetzbar erweist. „Oft weichen die Vorstellungen wie auch die Erwartungen der Klienten erheblich von der Realität ab.“ So sei viel Geduld, Überzeugungskraft und Einfühlungsvermögen vonnöten – bevor die Beratung richtig starten kann.

„Oft müssen wir den Ratsuchenden auch die Wahrheit sagen“, so Bergmann. „Diese Wahrheit kann unangenehm sein.“ Auch gehe es darum, zunächst das Selbstbewusstsein der Klienten zu stärken und sie auf ihre Stärken hinzuweisen.

Zugang zu Wagniskapital verbessern

Aber nicht nur psychologisches Geschick und ein gutes Netzwerk ist gefragt, oft hapert es an der Finanzierung einer Geschäftsidee. „Wir haben in der Vergangenheit schon einige Male feststellen müssen, dass Gründer keinen Zugang zu finanziellen Mitteln bekommen, um ihr Vorhaben finanziell abzusichern“, berichtet der ehemalige Bankdirektor.

„Gerade kürzlich habe ich erlebt, dass der Antrag auf ein Darlehen - trotz der vorgelegten Unterlagen mit dem aufwendig erarbeiteten Geschäftsplan mit Idee, Alleinstellungsmerkmal, Vertriebs- und Preisstrategie, Chancen und Risiken, Rentabilitätsrechnung, Kapitalbedarfs- und Liquiditätsplan – abgelehnt wurde. Da scheint uns ein gewisses Maß an Chancenorientierung bei den Entscheidungsträgern zu fehlen“, so der Manager. „Wäre in Amerika eine ähnliche Vorgehensweise gegeben, wären Amazon oder Google wahrscheinlich nie so erfolgreich geworden.“ Nach 15 Jahren Beratungstätigkeit und über 600 Projekten sollten die Mitarbeiter des Finanzinstitutes im Vorfeld ein Gespräch mit dem Wirtschaftssenior suchen, so sein Wunsch, bevor die Ablehnung des Darlehens dem Darlehensnehmer einfach so mitgeteilt wird.

Chefsekretärin und Doktor der Philosophie

Alle 17 Fälle des vergangenen Jahres waren wieder „sehr interessant und faszinierend“, ziehen die Wirtschaftssenioren Bilanz. „Sie waren eine Herausforderung – sowohl an unsere Kompetenzen als auch unser Lösungsvermögen.“ 2018 gehörte ein Doktor der Philosophie zu den Ratsuchenden, den Bergmann und Jäger in über 60 Beratungsstunden unterstützten, bis Geschäftsplan, Finanzierung und Liquiditätsplanung für eine Geschäftsgründung im Bereich Malerei und Fotografie auf sicheren Beinen stand. Sie halfen der Chefsekretärin des Vorstandsvorsitzenden eines renommierten Bauunternehmens, welches Insolvenz angemeldet hatte, bei erfolgreich der Jobsuche und rieten zwei im Gastronomiebereich erfahrenen Damen von der Übernahme eines Unternehmens „aufgrund nicht durchschaubarer Mittelentnahmen“ ab.

Hans Bergmann und Rudolf Jäger bieten jeden zweiten Dienstag im Monat von 16 bis 19 Uhr eine Wirtschaftsberatung im Rat- und Bürgerhaus Kriftel an. Beratungstermine können unter 06192/43622 (Bergmann) oder 0176/82523617 (Jäger) oder per Mail unter wirtpatekri@t-online.de und rudo.jaeger@gmail.com vereinbart werden.

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