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Bildung und Bodybuilding

30 Jahre Schulmuseum: Über Bildung und Bodybuilding

Das Kriftler Schulmuseum wird 30 Jahre alt. Zur Feier dieses Jubiläums lud Wolfgang Janecke, Gründer und Museumsleiter, den Historiker und Altphilologen Mario Becker an die Weingartenschule ein. In seinem unterhaltsamen und sehr lehrreichen Vortrag referierte der Dozent der Uni Frankfurt zum Thema: „Das Gymnasium – eine Erfolgsgeschichte Europas?“ und konfrontierte bild- und anekdotenreich die Historie der alten Griechen und Römer mit unserer Moderne.

Besuchte Cäsar ein Gymnasium?

Die Idee des Gymnasiums kommt natürlich von den alten Griechen und Römern -   wie so vieles, was unser heutiges Europa prägt. Aber dass ein Gymnásion ursprünglich eine „Stätte der Nackten“ war, verblüffte die knapp einhundert Zuhörer in der Aula der Weingartenschule dann doch. Wobei Nacktheit vor 2600 Jahren nichts Anstößiges war, erklärte Becker, sie sei vielmehr quasi eine einheitliche Schuluniform gewesen und Ausdruck einer Haltung, für die ein gesunder Körper genauso wichtig war wie ein gesunder Geist. Mens sana in corpore sano – diese lateinische Redensart kennen wir doch.

Bald wurde dann in den Gymnasien neben einer sportlichen auch eine musische und geistige Ausbildung anboten. Die Verständigung untereinander war ja kein Problem. Haben wir heute eine multikulturelle Schülerschar mit vielen Nationalitäten und Sprachen in einem Klassenzimmer vereint, so gab es damals nur eine Weltsprache im Imperium: nämlich das Lateinische. Ein Traum für die europäische Idee!

Breit aufgestellt

Bei den 13- bis 18jährigen Jünglingen stand neben dem Heranzüchten einer geistigen Elite laut Becker auch die militärische Ausbildung im Vordergrund. Knallhartes Bodybuilding war nötig, um beispielsweise ein riesiges Kriegsschiff gegen die angreifenden Perser im Gleichtakt rudern und manövrieren zu können. 

Aristoteles, der Lehrer Alexanders des Großen, hat die allgemeine Schulpflicht eingeführt und so wurde die Ausbildung, die zunächst eine Angelegenheit des Adels gewesen war, auch rasch einer breiteren Gesellschaftsschicht zugänglich. Die Römer kopierten die gute Idee und übertrugen sie fast eins zu eins in ihre Kultur, wie so viele griechische Errungenschaften übrigens. Hätte es damals schon den Kopierpreis Plagiarius gegeben, die Römer hätten ihn bestimmt bekommen.

Zuckerbrot und Peitsche

Die Zuhörer schmunzelten bei Beckers Ausführungen und erfuhren ganz nebenbei noch vieles mehr, zum Beispiel, dass gute schulische Leistungen mit Süßigkeiten belohnt  und schlechte mit der Rute bestraft wurden. Und dass die höhere Bildung des Sprach- und Literaturunterrichts und später das Rhetorikstudium nur den Jungen vorbehalten war. Mädchen wurden laut Becker nur in der Elementarschule bis zu ihrem elften Lebensjahr unterrichtet. Mit zwölf wurden sie verheiratet und mit 14 Jahren waren sie meist Mutter und kümmerten sich um Haus und Hof.  Die Lebenserwartung der Frauen war kurz, mit 30 Jahren waren sie uralt.

Mit dem Untergang der Antike retteten sich die Bildungsinhalte über das Mittelalter und die Lateinisch sprechenden Mönche in die Neuzeit. Sie konnten die erhaltenen römischen Schriftrollen abschreiben und Wissen weitergeben. Bildung setzte sich durch, der Buchdruck tat sein übriges. Später ebneten Wilhelm von Humboldt und andere Reformpädagogen den Weg zum Gymnasium in seiner heutigen Ausprägung, das seit vielen Jahrhunderten und in ganz Europa ein hohes Ansehen genießt.

Klassische Bildung angesagt

„Das Gymnasium hat bis heute seine Anziehungskraft nicht verloren und ist angesagter denn je“, resümierte Wolfgang Janecke in der abschließenden Podiumsdiskussion. Nicola van de Loo, die Leiterin des Gymnasialzweiges und der Fachschaft Latein der Weingartenschule, konnte das coram publico nur bestätigen. Sie freut sich außerdem über das beständige Interesse derer, die an der Weingartenschule Latein lernen. Und das trotz neusprachlicher Konkurrenz, denn auch Spanisch und Französisch sind im Angebot. Von 214 Gymnasiasten lernen ab der 7. Klasse 70 Schülerinnen und Schüler Latein als zweite Fremdsprache. Die Antike ist also noch recht munter unterwegs!

Wer Interesse am Thema Schule hat, sollte die große Jubiläumsveranstaltung des Schulmuseums am Donnerstag, den 8. November, im Rat- und Bürgerhaus Kriftel um 19 Uhr nicht verpassen!

Foto: Von links nach rechts: Schuldezernent und Erster Kreisbeigeordneter Wolfgang Kollmeier, Oberstudienrätin Nicola van de Loo, Referent Mario Becker, Bürgermeister Christian Seitz und Wolfgang Janecke, Leiter des Schulmuseums.

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