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DAS passiert in Kriftel

Bericht: Wo bleiben die Vögel?

Erstmals weniger als die Hälfte der Nistkästen besetzt - Umdenken bei Bepflanzung

„Wo bleiben die Vögel?“ Das sei die Frage, die ihm am häufigsten gestellt werde, erzählte jetzt Hans H. Tecklenburg (79) dem Ersten Beigeordneten der Gemeinde Kriftel, Franz Jirasek, und Mitarbeiten den Grünflächenamtes beim Gesprächstermin im Rathaus. Als Vogelschutzbeauftragter der Gemeinde Kriftel legt er jedes Jahr einen Bericht vor. Kommende Woche wird dieser auch in den Ausschusssitzungen Thema sein.

Seit mittlerweile 19 Jahren ist der Krifteler ehrenamtlich als Vogelschutzbeauftragter der Gemeinde aktiv. Wie sich das Vorkommen der Singvögel in der Obstbaugemeinde entwickelt, kann er daher gut beurteilen. „Anhaltspunkt für eine fundierte Beurteilung, wie viele Vögel in Kriftel leben, ist für mich immer die Belegung der insgesamt fast 140 Nistkästen in Kriftel“, so Tecklenburg. Diese wurden von der Gemeinde angeschafft. 32 hängen alleine auf dem Gelände des Friedhofs, 35 insgesamt an den Wasserwerken, zwölf entlang des Schwarzbaches und an der Kreissporthalle, neun auf dem Gelände des Parkbades.

Schlechtestes Ergebnis der letzten 20 Jahre

Inzwischen sind die Zahlen alarmierend, das hat die Prüfung und Säuberung der Kästen durch Tecklenburg gezeigt: „Von 135 Nistkästen waren 2017 nur 59 besetzt, also 43 Prozent. Das ist das schlechteste Ergebnis seit meinen Aufzeichnungen“, so der Vogelschutzbeauftragte. Vor zehn Jahren seien es noch 60 Prozent gewesen. „Auch wenn in der Presse kürzlich zu lesen war, Naturfreunde hätten bei der jährlichen Mitmach-Zählaktion des Naturschutzbundes wieder mehr Wintervögel an Futterhäuschen oder im Garten gesichtet. Die Ergebnisse sehe ich skeptisch, allein durch mögliche Mehrfachzählungen“, sagt er.

Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig. „Der Druck der Gesellschaft auf die Natur ist groß. Die ausgeräumten Felder und Gärten bieten wenig Nahrung, die Rabenvögel kommen verstärkt in die Wohngebiete und bedrohen die Bruten“, so der Vogelexperte. Auch das Eichhörnchen sei beileibe nicht so possierlich, wie es aussehe. „Weiterhin muss man lesen und hören, dass der Insektenbestand um 75 Prozent zurückgegangen ist – ein wichtiger Bestandteil der Nahrung der Vögel. Dafür sind auch Pestizide jeglicher Art mitverantwortlich. Umso wichtiger ist unsere Hilfe für die Natur“, betont er. Tecklenburg bittet daher nicht nur private Gartenbesitzer darum, im Garten Rückzugs- und Brutplätze für Vögel (zum Beispiel Hecken und Büsche) zu erhalten, sondern er äußerte auch Wünsche an die Gemeindeverwaltung.

Gemeinde will mehr Ruhezonen für Vögel schaffen

„Ich fände es wichtig, wenn es im Gemeindegebiet mehr eingezäunte Refugien und Ruhezonen für die Vögel und die heimischen Wildtiere gäbe, wo sie vor Zwei- und Vierbeinern geschützt sind“, so der Vogelschutzbeauftragte. Das böte sich im Krifteler Wäldchen an. Zum anderen fände er es sinnvoll, wenn die bereits eingezäunten Flächen an den Brunnen geeignet bepflanzt werden. „In den eingezäunten Flächen rund um die Wasserwerke tummeln sich die Vögel – wenn nicht gerade nach einem Umbau dort vorhandene Hecken gerodet wurden.“ Er wünscht sich hier vor allem beerentragende Bäume und Sträucher, wie Eberesche (Vogelbeere), schwarzer Holunder, Sanddorn oder Hagebutten. Dort möchte Tecklenburg dann auch eine wetterfeste Infotafel aufstellen, die Spaziergänger auf die Ruhezonen hinweisen und auf die „Not“ der Vögel aufmerksam machen. Dieser Vorschlag wurde von Jirasek begrüßt, der das Unterfangen unterstützen möchte.

Der Erste Beigeordnete versprach, die Vorschläge bei Neuanpflanzungen unter anderem beim Brunnen „Im Bieth“, zu berücksichtigen. Er teilte Tecklenburg mit, dass die Mitarbeiter des Grünflächenamtes zurzeit Flächen im Gemeindegebiet auswählen, die - zum Beispiel mit Stauden - so bepflanzt werden können, dass hier das ganze Jahr über Bienen und Vögel Rückzugsmöglichkeiten und Nahrung finden. Gelder wurden dafür bereits in den Haushalt eingestellt. Schon im vergangenen Jahr sei beschlossen worden, die Wiesen im Ziegeleipark nur noch einmal jährlich zu mähen (wir berichteten), um die Biodiversität zu stärken. Auch die Anlage weiterer „Feldholzinseln“ soll geprüft werden. Dabei werde eine Vernetzung von Biotopen berücksichtigt.

Der engagierte Vogelschutzbeauftragte freut sich, dass die Gemeinde seine Arbeit unterstützt: Sie übernimmt die Kosten für Nisthilfen und Vogelfutter (2017/18 waren es 50 Kilo Sonnenblumenkerne und etwas Streufutter) und ist offen für die Umsetzung von Ideen. "Das ist nicht selbstverständlich", lobt Tecklenburg. In vielen Gemeinden im Kreis gibt es die Funktion des Vogelschutzbeauftragten nicht.

Sieben Steinkäuze wurden beringt

Tecklenburg konnte auch Positives berichten: Im August 2016 hatte er gemeinsam mit Heinz Seelig und Richard Hilgart sechs Niströhren für Steinkäuze aufgehängt, unter anderem im „Krifteler Wäldchen“. Hilgart hat die Niströhren selbst hergestellt. „In zwei Röhren waren drei beziehungsweise vier Jungvögel. Sie wurden Mitte Mai beringt. Ein schöner Erfolg“, freut sich Tecklenburg. Die kleine Eule, die am liebsten in den Asthöhlen alter Bäume auf Streuobstwiesen brütet, war in Kriftel zuvor noch nicht ansässig gewesen. „Im Erwerbsobstanbau und bedingt durch die moderne, intensive Nutzung der Landwirtschaft gibt es immer weniger alte Obstbäume auf Streuobstwiesen“, erklärt der Vogelschutzbeauftragte.

Die Pflege der Nistkästen im Gemeindegebiet und auch die Winterfütterung zählen zu den Haupttätigkeiten Tecklenburgs, der noch immer mit großer Freude bei der Sache ist. Immer wieder müssen zudem Nistkästen umgehängt und Futterstellen an einem neuen Ort neu eingerichtet werden – weil der Platz zu unruhig wurde oder die Pflanzen rundherum zu stark beschnitten wurden und die Vögel nun keine "Deckung" mehr haben. Natürlich werden die Nistkästen regelmäßig gereinigt, auf Parasiten und Zustand kontrolliert.

„Natur und Tierwelt brauchen in vielen Bereichen unseren Schutz“, betont Tecklenburg. Er empfiehlt den Kriftelern inzwischen eine Fütterung der Vögel von November bis März. Bedanken möchte er sich auch bei den Bürgern, die im Krifteler Wäldchen Meisenknödel aufgehängt haben. Gerade in der vergangenen eiskalten Wetterphase sei das für viele Vögel vielleicht sogar lebensrettend gewesen.

Infos zu allen Singvogelfragen gibt Hans H. Tecklenburg unter 06192/46468.

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