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DAS passiert in Kriftel

Ausstellung über Kriftel 1933 bis 47

Für ein Pfund Butter 168 Millionen Mark?

Bürgermeister Christian Seitz, der Erste Beigeordnete Franz Jirasek, weitere Mitglieder des Gemeindevorstands und der Gemeindevertretung, Hofheims Stadtarchivarin Roswitha Schlecker und Erster Stadtrat Karl Heinz Spengler aus Hattersheim sowie zahlreiche Bürger kamen am Freitag vor Pfingsten zur Ausstellungseröffnung in den Hof der Alten Hofreite und ins Heimatmuseum. Gemeindearchivar Wilfried Kremenz hatte eine umfangreiche und sehenswerte Ausstellung mit dem Titel „Kriftel 1933 bis 1947“ zusammengestellt.

Christian Seitz begrüßte die Besucher und freute sich über die große Resonanz. Krementz erkannte in seiner Einführung das Aufkommen der deutschen Krise damals im Ende des Ersten Weltkriegs. Der Versailler Friedensvertrag war die Ursache. Krementz zitierte den amerikanischen Verhandlungsführer: „der Friedensvertrag wird keinen dauerhaften Frieden bringen“. Das bestätigte sich. Deutsche Gebietsverluste, hohe Reparationszahlungen, Wiedereingliederung von Soldaten bis hin zu Schwerkriegsbeschädigten lasteten auf Land und Bevölkerung.

Von 1918 bis 1930 erlebte Kriftel eine schwierige, französische Besatzung. Sie nahm sogar Bürgermeister Sittig wegen einer Lappalie  vier Wochen fest. Mit der „galoppieren Inflation“ ab Sommer 1922 begann weiteres Unglück in Deutschland. Die „Krifteler Kirchenchronik“ berichtete über „das gesamte kirchliche Kapital, das vernichtet wurde“. Der „schwarze Freitag“, 24. Oktober 1929, in New York, löste eine Weltwirtschaftskrise aus, die Deutschland besonders schädigte: Das gesamte Kreditsystem brach zusammen. Es folgten die „Brüningschen  Notverordnungen“ (Reichskanzler Brüning, 13. Reichskanzler nach Bismarcks Sturz 1890, regierte nach Artikel 48/Präsidialdiktatur). Sie führten 1932 zu 44 Prozent Arbeitslosigkeit. Die Deutschen begannen an der jungen Demokratie in ihrem Land heftig zu zweifeln und drückten das in Wahlen aus. Anfang März 1933 erhielt die NSDAP 44 Prozent in Deutschland, in Kriftel sogar 49. Hitler kam an die Macht.

Lehrling ohne Lohn

Krementz fügte in seine Einführung auch Familiengeschichte ein und schilderte den beruflichen Lebensweg seines Vaters, der Maschinenbauingenieur werden wollte. Er erfuhr mehrmalige Kündigung von Lehrverträgen. Ein Lehrling ohne Lohn. Da war das Militär, die Luftwaffe ein Ausweg: Er wurde Bordfunker, dann Ausbilder. „Grauenvoll“ nennt Krementz die Vernichtung der Juden in Deutschland. Und erinnert an das Schicksal der Familie Nassauer aus Kriftel. Vater, Mutter und Sohn kamen im Konzentrationslager um.

Am 6. Mai 1945 kapitulierte Deutschland. Die Amerikaner marschierten in Kriftel ein. Kriftel war im Zweiten Weltkrieg von größeren Schäden verschont geblieben. Nicht aber von „schrecklichen Zeiten“ danach. Krementz lernte seinen Vater erst kennen, als er fünf Jahre alt war und sein Vater aus der Kriegsgefangenschaft heim kam.

Packende Fotos

Viel diskutiert wurde während der Rundgänge der Besucher entlang der Stellwände mit Texten, Dokumentationen und Fotos. Die Bürger suchten natürlich auch nach bekannten Gesichtern, lasen intensiv die Infotexte. Man merkte: Diese Ausstellung  „packte“ durchaus ihre Besucher.

Der Kontrast zu nun über 70 Jahre Frieden, Freiheit und Wohlstand in der BRD und EU zum Dritten Reich wurde offenbar. Krementz stellt in der Ausstellung immer wieder die große Weltgeschichte und das Kleinbürgertum gegeneinander. „Wieso konnte es dazu kommen, dass am 24. September 1923 auch eine Krifteler Hausfrau für ein Pfund Butter 168 Millionen Mark zahlen sollte?“ Diese Frage recherchierte Krementz zum Beispiel sehr genau.

„Beim Thema ‚Drittes Reich‘ sind Zeitzeugen zurückhaltend“, hat Krementz bei der Vorbereitung der Ausstellung verspürt, sich davon aber nicht abhalten lassen und mutig weiter gemacht. Er sieht seine Aufgabe als Gemeindearchivar darin, Geschichte lebendig zu halten, über sie nachzudenken, sie aufzuarbeiten, sich damit auseinander zu setzen. So entstand diese Ausstellung als „Querschnitt durch die Zeitgeschehnisse in Kriftel“ in jenen Jahren.

Der Gemeindearchivar zielt mit seiner Ausstellung auf die genannte Zeitepoche. Nicht auf die Geschichte und Darstellung des Dritten Reichs. „Mein Gott, haben Sie aber Mut“, vernahm er in der Vorbereitung. Für ihn ist sie „ein Teil unserer Geschichte, worüber sich jeder selbst seine Gedanken machen muss“.

Die Ausstellung ist erneut am Sonntag, 3. Juni 2018, von zehn bis zwölf Uhr geöffnet. Weitere Besichtigungen können telefonisch mit Wilfried Krementz verabredet werden.

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